Etwas war seltsam geworden auf der Erde. Nicht nur bei Eveline. Überall.
Menschen standen morgens auf und wussten plötzlich nicht mehr genau, wofür sie eigentlich so gerannt waren.
Die alten Belohnungen funktionierten nicht mehr richtig.
Mehr leisten?
Machte nicht glücklicher.
Mehr konsumieren?
Machte nur voller.
Mehr optimieren?
Machte müder.
Es war, als hätte die Menschheit heimlich mitten in der Nacht beschlossen: „Ich kann nicht mehr so tun, als würde mich das noch erfüllen.“ Und genau das machte vielen Angst.
Denn die meisten Menschen hatten gelernt, sich über Bewegung zu spüren: Beschäftigt sein. Reagieren. Planen. Sorgen. Durchhalten.
Doch plötzlich begann etwas zu stocken. Nicht wie ein grosses Drama. Eher wie ein inneres WLAN, das immer wieder ausfiel.
Menschen sassen vor Bildschirmen und fühlten nichts mehr. Standen im Supermarkt und wussten nicht mehr, worauf sie Lust hatten. Scrollten durch ihr Leben wie durch eine Speisekarte ohne Hunger.
Und unter all dem lag etwas, das kaum jemand aussprach: Eine tiefe Müdigkeit vom ständigen Sich-selbst-Verlassen.
Eveline spürte das überall. Im Bus. Im Gespräch mit Freunden. In den Augen fremder Menschen.
Diese stille Frage: „Wie lebt man eigentlich, wenn man nicht mehr funktionieren will?“
Sie sass eines Abends auf dem Sofa, eingewickelt in ihr Sternenkleid, als plötzlich das Licht flackerte. Nicht mystisch. Einfach schlechte kosmische Elektrik.
Kuthumi ploppte mitten ins Wohnzimmer. Mit Sonnenbrille und einem aufblasbaren Flamingo unter dem Arm. „Die Menschheit“, verkündete er feierlich, „hat kollektiven Existenz-Jetlag.“
Eveline starrte ihn an. „Was bitte?“
St. Germain erschien hinter ihm, elegant wie immer, und sah aus, als würde er seit Jahrhunderten auf genau diesen Satz warten. „Die Menschen“, sagte er ruhig, „landen gerade innerlich an einem Ort, an dem ihre alten Identitäten nicht mehr funktionieren.“
Kuthumi nickte heftig. „Aber sie versuchen immer noch, mit den alten Bedienungsanleitungen weiterzumachen.“
Er zog einen zerknitterten Zettel hervor und las vor:
„Schritt 1: Mehr leisten.
Schritt 2: Gefühle ignorieren.
Schritt 3: Burnout spirituell umdeuten.“
Eveline prustete los. „Das ist nicht lustig.“
„Doch“, sagte Kuthumi trocken. „Ein bisschen schon.“
Stille.
Dann wurde St. Germain ernst. Nicht schwer. Nur klar. „Die Menschheit verliert gerade nicht den Sinn“, sagte er leise. „Sie verliert die künstlichen Ersatz-Sinne.“
Etwas in Eveline wurde ruhig. Ja. Genau das war es.
Viele Menschen wussten plötzlich nicht mehr, wer sie waren, wenn sie nichts mehr beweisen mussten. Wenn sie nicht mehr kämpften. Nicht mehr funktionierten. Nicht mehr ihre Rollen bedienten.
Und genau dort begann diese seltsame Leere. Nicht leer wie tot. Leer wie ein Raum, aus dem endlich die alten Möbel getragen wurden.
Kuthumi setzte sich inzwischen mit dem Flamingo aufs Sofa. „Weisst du, was die Menschen am meisten verwirrt?“ fragte er.
Eveline schüttelte den Kopf.
„Dass ihr Nervensystem Ruhe inzwischen für Gefahr hält.“
Lange Stille. Dann begann Eveline zu lachen. Nicht laut. Eher dieses müde, ehrliche Lachen,
wenn etwas gleichzeitig traurig und befreiend wahr ist.
Draussen bewegte der Wind die Bäume langsam im Dunkeln. Keine Antworten. Keine grossen Lösungen. Nur dieses stille Gefühl: Vielleicht musste die Menschheit gerade gar nicht wissen, wohin. Vielleicht war das hier einfach die Zeit zwischen den Häuten.
Und irgendwo zwischen den Welten hob St. Germain sein Glas leicht an. „Auf die heilige Desorientierung“, sagte er.
Kuthumi prostete mit seinem Flamingo zurück.
Und Eveline? Sie sass einfach da. Atmete und zum ersten Mal fühlte sich das Nichtwissen
nicht wie Versagen an.
Sondern wie Anfang.
